Ich muss es zugeben: Ich bin ein ziemlicher Löw-Fanboy geworden. Anfangs war er mir irgendwie schwäbisch unsympathisch, und auch seine Nominierungen sind nicht immer nachvollziehbar gewesen. Doch eines ist an Löw absolut bewundernswert – er hört nicht auf, sich und sein System zu hinterfragen. Selbst nachdem man die Weltmeisterschaft holte ist er es nicht Leid, alles in Frage zu stellen.

Dynamik, Agilität, Schnelligkeit – und jetzt auch noch Flexibilität

Löw
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Nach all den Veränderungen, die Jogi im Laufe der Jahre dem deutschen Kader zukommen ließ und mit akribischer Kleinstarbeit an den Abläufen feilte, steht er nun vor seinem Meisterstück. Es wird nämlich darüber berichtet, dass Löw auf eine Dreierkette umstellen will. Zumindest arbeitet er seit ein paar Monaten immer wieder an dem Konzept, auch während des Spiels die Formation umzustellen, um noch mehr Offensive möglich zu machen. Teils konnte man diese Versuche auch in vergangenen Testspielen beobachten.

Der statische Aufbau der DFB-Elf vor einigen Jahren, die immer nach demselben Prinzip ablief (Ball auf Ballack oder Schneider, Ball in den Sturm oder nach Außen), ist spätestens seit Klinsmann über den Haufen geworfen worden. Was unter Klinsi zu einem Überrennen aller Taktikspärenzchen avancierte, erhielt unter Chefcoach Löw wieder eine gewisse Kontrolle. Und nun soll die Flexibilität Einzug halten.

Mit kreativen Innenverteidigern wie Boateng, Hummels, Rüdiger und auch Mustafi, die allesamt was Passgenauigkeit und dem Blick für die Spielöffnung einiges an Talent in die Wiege gelegt bekommen haben, steht Löw auch die richtige Masse zu Verfügung. Was bisher jedoch auch augenscheinlich ist: Einen Lahm auf Rechts vermisst die DFB-Auswahl schmerzlich, genauso wie einen effektiven Außenverteidiger auf der linken Seite.

Kimmich des Rätsels Lösung?

Benedikt Höwedes überraschte bei der Weltmeisterschaft 2014 als Linksverteidiger alle. Journalisten, Gegner und letztendlich auch die deutschen Fans. Seine Kopfballstärke und Übersicht waren maßgeblich dafür, dass die deutsche Nationalmannschaft bei der WM so gut wie keine Anfälligkeiten bei Eckbällen oder Freistößen zeigte. Doch die WM fand in Brasilien statt, tropische Hitze verlangsamte das Spiel nach einer halben Stunde deutlich, Standardsituationen erhielten große Wichtigkeit.

In Frankreich wird vieles anders sein. Und die Deutschen sollen genau das bereits vorher können, dieses “anders sein”. Da kommt Löw der junge Kimmich wie gerufen. Pep schenkte dem Jungtalent viel Vertrauen und wurde belohnt. Auch Jogi setzte im letzten Testspiel auf den Innenverteidiger, der genauso gut auf der Außenbahn spielen kann – und wurde nicht enttäuscht.

Was plant Jogi gegen Ungarn?

Gegen Ungarn könnte die Dreierkette kommen, und spätestens dann wird es interessant auf mehreren Ebenen. Kann die deutsche Elf damit offensiver agieren? Wer geht in die Innenverteidigerposition? Hummels, Boateng, Rüdiger? Wer geht auf die Außen? Wie wird das Mittelfeld bestückt, damit sich keine Kreativlinge auf den Füßen stehen? Oder agiert man mit einer Doppelspitze und einem hängenden Zehner?

Wie auch immer der Test ausfallen wird – die taktische Flexibilität sollte bereits in diesem letzten Testspiel zu sehen sein, die Löw so wichtig ist. Denn Unberechenbarkeit kann der Schlüssel zum Titel sein, wie man in Brasilien 2014 bereits sehen konnte.