Die Schiedsrichter der Europameisterschaft 2016, darunter auch der deutsche Dr. Felix Brych, müssen zur EM neue Regeln durchsetzen. Natürlich sind Regeländerungen nicht immer hilfreich. Welche neuen Regularien hat das International Football Association Board veranlasst und bringen sie etwas?

Neue Regel begünstigt Zeitspiel

Gustavo Frazao
Gustavo Frazao

Eine der neuen Regeln ist definitiv streitbar. Spieler, die sich durch ein Foul verletzt haben, müssen nicht mehr direkt den Platz verlassen, um behandelt zu werden. Sollte der Gegner für den Zweikampf eine gelbe oder rote Karte bekommen, darf der gefoulte Spieler auf dem Rasen eine kurze Behandlung in Anspruch nehmen. Was in diesem Fall “kurz” ist, wurde nicht festgelegt, genauso wenig wie damit umgegangen wird, ob sich ein Spieler tatsächlich bei einem Zweikampf verletzt hat. Man erinnere sich nur an das Champions League Finale und den Portugiesen Pepe von Real Madrid, der gleich zweimal eine schwere Verletzung mimte und dank dieser schauspielerischen Glanzleistung durchaus einige Minuten rausholen konnte. Es bleibt zu hoffen, dass die Unparteiischen bei der EM genau darauf achten, wer tatsächlich verletzt ist und wer nur Zeit schinden will.

Schienbeinschonerpflicht zumindest teilweise aufgehoben

Sollte ein Spieler während des laufenden Spiels einen seiner Schienbeinschoner verlieren, darf er ohne Schutz bis zur nächsten Unterbrechung weiterspielen. Das wurde zwar sowieso schon so gehandhabt, war aber eigentlich laut Regelwerk der IFAB verboten und hätte sogar geahndet werden können.

Mini-Änderung beim Anstoß

Eine Änderung, die eigentlich mehr als unnütz ist und keine Wirkung haben dürfte ist die Tatsache, dass der Ball beim Anstoß nun in jede Richtung gespielt werden darf. Der klassische Weg bis zur Neuauflage des Regelwerks war, dass das Spielgerät mit der ersten Berührung nach vorne gespielt werden musste. Zumindest der subjektive Effekt, dass man ab Anstoß eine offensive Grundausrichtung zeigen soll, geht damit verloren.

Platzverweis übersteht auch den “Vorteil”

Sollte einem Spieler durch einen Zweikampf ein Platzverweis drohen und der Unparteiische entscheidet auf “Vorteil”, so darf sich der Spieler bis zur nächsten Unterbrechung nicht mehr am Spiel beteiligen. Handelt der Spieler dieser Regel zuwider, unterbricht der Schiedsrichter das Spiel, spricht den Platzverweis aus und setzt das Spiel mit einem indirekten Freistoß fort. Bisher wurde das Spiel direkt unterbrochen, sollte ein Spieler einen Platzverweis riskieren. Durch diese neue Regel bleibt der Fluss des Spielzuges erhalten, unabhängig davon ob jemand eine Notbremse versucht zu setzen. Auch wenn man sich durchaus die Frage stellen darf, wie der Schiedsrichter dem Spieler signalisiert, sich bitte nicht mehr am Spiel zu beteiligen, da ihm die rote Karte drohe. Das wirkt eher wie eine Verzögerung der Unterbrechung, auf die der Rotsünder direkt Einfluss nehmen kann. Wie praktikabel diese neue Regel sein wird, wird sich zeigen.

Welche Regeländerungen immer noch fehlen

Schmerzlich vermisst werden gelbe Karten für klare Schauspielerei, oder auch Regeln zu Verwarnungen bei Rudelbildung. Derzeit ist das Regelwerk in diesen Situationen noch Auslegungssache und es gibt keine glasklare Vorgabe. Diskussionen mit dem Schiedsrichter sind mindestens genauso störend wie unnötig, auch hierbei gibt es keine Änderungen. Die lange in Betracht gezogene Zeitstrafe, wie sie bereits in manchen Jugendligen getestet wird, lässt immer noch auf sich warten. Dabei gibt es sie bereits in verschiedenen anderen Sportarten wie Basketball, Eishockey oder Handball, führt dort immer wieder zu sogenannten Power Plays und deutlich mehr Spannung.