Der italienische Fußball hat Probleme. Schon seit Jahren gibt es Skandale, Manipulationen oder Doping-Diskussionen. Der neue Coach Antonio Conte sollte Besserung bringen, doch auch er verlässt den Verband und wechselt nach der EM zum FC Chelsea. Was wird die Squadra Azzurra in Frankreich reißen? Ein Blick auf den finalen Kader und die Geschichte dahinter.

Italien ist Buffon, aber Buffon ist bald nicht mehr Italien

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Gigi Buffon ist eine lebende Torhüter-Legende. Seine charakterliche Klasse, sein Spielverständnis und seine Reflexe auf der Linie sind selbst mit 38 Jahren absolute Weltspitze. Nicht umsonst wird er mit den besten Torhütern wie Neuer, Hart und de Gea in einem Atemzug genannt. Nach der EM ist Schluss, so viel ist sicher. Und nachdem mit Pirlo bereits das Hirn der italienischen Elf seine Karriere beendete, wird mit Buffon das Herz der Nationalmannschaft den Kader verlassen. Ein Blick auf das Spielerangebot legt das Problem offen, mit dem sich der Verband konfrontiert sieht.

Antonio Conte und die Qual der Wahl des kleineren Übels

Wenn ein Nationaltrainer verkündet, dass er nach einem großen Turnier seinen Rücktritt erklären und ein Ligateam übernehmen wird, ist das erst einmal keine große Sache. Doch bei Conte, dem Trainer ohne viel Pathos und mit wenig Sinn für Außenwirkung, bekommt diese Aussage einen anderen Wert. Nachdem er in seiner Vergangenheit wegen Ergebnisabsprachen mehrere Monate gesperrt werden musste, damals als Coach von Siena, war seine Benennung zum Chef der Squadra Azzurra durchaus eine Überraschung. Der italienische Verband kämpft seit Jahren gegen das schlechte Image, welches immer wieder durch Rassismus-Skandale und dem ewigen Gefühl von Betrug und Mauschelei neues Futter erhält. Hinzu kommt, dass die Jugendarbeit in Italien eher schlecht als recht funktioniert, weshalb die Vereine alles daran setzen, internationale Kräfte einzukaufen. Mit dieser Problematik sah sich bereits der englische Verband vor einigen Jahren konfrontiert, schaffte jedoch die Kurve. Und nun ist es an Conte, diese Kurve einzuleiten. Eigentlich. Denn er verlässt den Verband, beendet damit auch die dringend notwendige Verjüngungskur des Kaders, ganz zu Schweigen von der Generalüberholung der verstaubten Verbandsstrukturen.

Alle Hoffnung liegt auf… wem?

Conte sagte, man habe ihm versprochen, dass er ausreichend mit dem Kader arbeiten könne. Dieses Versprechen wäre aber nicht eingehalten worden. Hinter dieser Aussage stehen unter anderem Sparmaßnahmen, die unabwendbar da lebenserhaltend sind. Im finalen Kader der Italiener finden sich gleich neun Spieler, die über 30 sind – darunter neben Buffon auch Barzagli, Thiago Motta und De Rossi. Vom SSC Neapel könnte Mittzwanziger Lorenzo Insigne, ein technisch feiner Linksaußen, bei der EM groß aufspielen. Mit Bernardeschi vom AC Florenz steht zudem ein erst 22-jähriger Rechtsaußen bereit, sich für einen Stammplatz zu empfehlen. Aber die richtig großen Stars, wie ein ehemals zumindest polarisierender Balotelli, sucht man vergebens.

Der Ausblick auf die EM

Zu guter Letzt noch ein Blick auf die letzten Spiele der Italiener. Gegen Spanien erreichten sie ein Unentschieden, gegen die Deutschen setzte es eine 1:4 Niederlage und gegen Schottland gewann man knapp mit 1:0. Was uns das sagt? Eigentlich nichts. Die Italiener sind in einer Selbstfindungsphase, die von Krisen nicht verschont bleibt. Ob sie sich bei der EM den Kopf frei spielen können, bleibt abzuwarten. Einem Buffon wäre es gegönnt, so viel ist klar. Einem Conte, der im Vorfeld schon aufgibt, sich öffentlich über die Zustände des italienischen Verbands beschwert und sich nach der EM in Richtung Chelsea verabschiedet, wahrscheinlich eher nicht.